Bunte Würfelhäuser soweit das Auge reicht. Das Gamcheon Culture Village in Busan, oder auch von manchen Machu Picchu von Busan genannt, steht auf jeder Must-see Liste ganz oben. Und genau da fängt das Problem an. 2024 kamen rund 2,87 Millionen Besucher. Was euch oben erwartet, hat mit dem Foto, das euch hergelockt hat, nicht mehr viel zu tun. Trotzdem lohnt sich der Besuch. Nur eben völlig anders, als die meisten ihn planen.
Anreise zum Gamcheon Culture Village
Der Standardweg: Bus ab Toseong Station
Die meisten fahren mit der U-Bahn Linie 1 bis Toseong Station und steigen dort in einen der kleinen Dorfbusse bis zur Haltestelle Gamjeong Elementary School. Von dort sind es noch fünf Minuten zu Fuß. Klingt unkompliziert, ABER! Diese Busse sind in der Hauptzeit komplett überfüllt. Ihr steht in der Schlange und kommt womöglich erst gar nicht in den übervollen Bus. Schafft ihr es in einen beginnt die Nahtod Erfahrung. Mit gefühlt 200 km/h rast der kleine Dorfbus auf zwei Rädern die engen Serpentinen hinauf und hinunter.
Taxi
Ein Taxi ab Toseong kostet ca 5.000 Won. Ist in der Praxis aber auch nicht immer schneller, weil die Zufahrtsstraße oft dicht ist. Aber weitaus entspannter als der Bus.
Mein Tipp: Laufen
Genau aus dieser Not habe ich eine Tugend gemacht und bin einfach gelaufen. Und warum genau das die beste Option ist, weiter unten in den Insidertipps.
Hintergrund und Kultur des Gamcheon Culture Village
Die Siedlung entstand in den 1920er und 1930er Jahren für Arbeiterfamilien aus Busan. Den entscheidenden Schub brachte 1955 der Zuzug von rund 800 Familien der Religionsgemeinschaft Taegeukdo. Die Häuser wurden terrassenförmig an den Hang gesetzt, in strengen Reihen, keines verdeckt dem anderen den Blick. Diese Regel ist der Grund für die Treppenoptik, die heute auf jedem Foto zu sehen ist. Sie war keine Designidee, sondern Rücksichtnahme unter armen Nachbarn.
Das Viertel blieb lange arm. Erst 2009 startete ein Kunstprojekt zur Wiederbelebung als Kulturdorf. Künstler zogen ein, es entstanden Wandbilder und Museen. Der Plan ging auf: Die Besucherzahlen stiegen von 1,4 Millionen im Jahr 2015 auf 2,87 Millionen im Jahr 2024. Gleichzeitig zogen viele Bewohner weg, und Hunderte Häuser wurden zu Galerien und Cafés. Das ist der Punkt, den man im Hinterkopf behalten sollte: Hier leben Menschen. Die bunten Fassaden sind keine Kulisse, sondern Vorgärten.
Hidden Gem oder Scam?
Diese Frage hab ich mir auch gestellt bevor ich ins Viertel bin. Lohnt es sich wirklich oder sollte man Gamcheon Culture Village eher skippen?
Das erwartet euch im Gamcheon Culture Village
Ganz ehrlich: Die zentralen Gassen sind komplett überlaufen. Ihr schiebt euch im Pulk durch enge Wege, in denen ständig jemand stehen bleibt, um ein Foto zu machen. An jeder Ecke ein ausgewiesener Fotospot, eine Schlange davor und daneben ein Insta Café mit Aussichtsterrasse oder ein Souvenir Laden.
Der Kleine Prinz auf der Mauer hat seine eigene Warteschlange. Das BTS-Wandbild ebenfalls. Dort stehen die Fans für ihr Bild an. Nichts davon hat mit dem Viertel zu tun, es ist einfach dort hingemalt worden, weil es funktioniert. Alles sehr over the top und für Social Media optimiert. Wer hier herkommt und nur die Hauptachse abläuft, hat am Ende dieselben fünf Fotos wie alle anderen und das Gefühl, einer Marketingaktion aufgesessen zu sein.
Das Viertel wurde schon als Sonderverwaltungsgebiet ausgewiesen. Touristen sollen sich ab 18 Uhr nur noch auf fünf festgelegten Routen bewegen. Die Einfahrt von Minibussen wird beschränkt und sogar ein Eintrittsgeld wird geprüft. Wenn eine Stadt ihren eigenen Vorzeige Spot so behandelt, sagt das einiges.
Und trotzdem: die schönen Ecken
Jetzt kommt das große Aber. Genau weil mich die Busse abgeschreckt haben, bin ich gelaufen, und dabei kommt ihr durch einen Teil, den die allermeisten nie sehen. Der Fußweg führt euch durch Ami-dong, ein Viertel mit einer Geschichte, die unter die Haut geht.
Dort lag ab 1906 ein japanischer Friedhof. Als im Koreakrieg Hunderttausende nach Busan flüchteten, bauten sie ihre Notunterkünfte auf genau diesem Friedhof und verwendeten die Grabsteine und Stützmauern als Baumaterial. Bis heute stecken beschriftete Steine in Treppenstufen und Mauern. Bis heute stecken diese in Treppen und Mauern, weshalb die Gegend Bisagol (Grabstein-Dorf) heißt.
Hier ist nichts bunt angemalt und keine Warteschlangen. Dafür Wäsche auf der Leine, Katzen auf den Mauern und Menschen, die ihren Alltag leben. Alle paar Minuten öffnet sich der Blick und ihr steht an einem Aussichtspunkt, der euch den Blick freigibt auf den Hang, das Häusermeer und das Meer.
Mein Fazit
Der Besuch lohnt sich. Aber nicht wegen der Hauptgassen im Village, die aus allen Nähten platzen. Sondern wegen allem drumherum.
Insidertipps
Lauft hinauf statt Bus zu fahren
Das ist mein wichtigster Tipp. Spart euch das Gedränge im Dorfbus und nehmt die Füße in die Hand. Von der Toseong Station hinauf ins Village sind es rund 30 bis 40 Minuten, fast durchgehend über Treppen und schmale Gassen. Das ist anstrengend, keine Frage. Aber dieser Aufstieg lohnt sich. Ihr kommt durch Ami-dong, seht das ursprüngliche Busan und habt unterwegs Aussichtspunkte, die kein Reiseführer markiert. Wer nicht laufen will oder kann, fährt hoch und läuft wenigstens hinunter.
Geht oben am Berghang weiter
Im Village selbst gilt: Verlasst die Hauptachse. Steigt die Gassen weiter nach oben, bis die Souvenirläden aufhören. Dort oben am Hang entkommt ihr dem Trubel. Von einem kleinen Wandweg aus habt ihr einen wunderschönen Blick auf das Viertel mit allen bunten Häusern im Bild.
Kommt früh oder spät
Zwischen 11 und 16 Uhr ist das Viertel am vollsten, dann laden die Reisebusse ab. Am frühen Morgen und am späten Nachmittag wird es spürbar ruhiger, und das Licht ist für Fotos sowieso besser. Beachtet aber die Regeln: Ab 18 Uhr sollen Besucher nur noch festgelegte Routen nutzen.
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